Black lives matter

Nach mehr als drei Monaten wird erstmals in den Medien nicht primär die Corona Pandemie thematisiert, sondern ein Problem, mit dem sich ein jeder von uns schon einmal konfrontieren musste – nämlich dem Rassismus. Der entscheidende Unterschied? Eine Pandemie, ein Virus, eine Krankheit – das kann vorübergehen, dagegen gibt es Medizin. Aber Rassismus? Eine Medizin dagegen? Vielleicht Menschlichkeit, aber daran mangelt es in dieser Gesellschaft an so vielen Ecken und Kanten. Rassismus ist permanent, nicht temporär. Eine aufreibende These, die zurzeit aufgestellt wird. Das Zauberwort heißt also: Selbsthilfe. Nicht im Sinne von “seinen eigenen Hintern zuerst retten”. Es geht hierbei um etwas ganz anderes. Als ein Individuum selbst angeregt werden, dieses Problem anzugehen, um für eine offene und weniger hierarchische Gesellschaft zu kämpfen. Denn die scheint es – im Hinblick auf die Geschehnisse in den Vereinigten Staaten – wohl noch immer zu geben.

In den Nachrichten und sozialen Netzwerken wie Instagram oder Twitter kursieren zurzeit Bilder von weltweiten Demonstrationen und Menschen, die von ihren Begegnungen mit Rassismus erzählen – nicht nur für sie selbst; sondern primär, um denjenigen eine Stimme zu schenken, die von dieser Gesellschaft noch immer nicht gehört werden. Die Minderheiten. Ein Wort, das uns in der Politik und Geschichte schon unzählige male begegnet ist. Die Definitionen von Mehrheit und Minderheit ist hart umstritten. Vielleicht fehlt der Mut? Weil es noch immer so erschreckend ist, dass es trotz der Demokratie und der Grundrechte wohl nach wie vor eine Art “Unterteilung” gibt? Die, die mehr zu sagen haben, mehr Chancen, mehr Privilegien oder eben die, die wenige/keine Chancen und nicht dieselben Privilegien erfahren, wie die “Mehrheit”? Schaut man sich die Situation gerade an, sind damit Menschen mit einer dunklen Hautfarbe gemeint. Im Englischen erstaunlicherweise einfach “blacks” oder “afro-americans”. In der deutschen Sprache hingegen tut man sich schwer. Worauf einigt man sich nun? Oder ich? Oder du? Think about it for a second.

Das Thema Rassismus wurde mit dem Vorfall in Minneapolis wieder unglaublich präsent, polarisierend. Der dunkelhäutige Amerikaner George Floyd wurde gewaltsam und bestialisch von einem weißen Polizist beinahe neun Minuten lang geknebelt, bis er schließlich durch mangelnde Luftversorgung im Gehirn nach der Einlieferung in ein Krankenhaus verstarb. Verstarb? Das klingt viel zu unschuldig. Um es noch einmal zu verinnerlichen; ein dunkelhäutiger Bürger wurde von einem hellhäutigen Polizisten auf eine so unmenschliche Art und Weise ermordet, dass damit eine globale Debatte über den Verbleib des Rassismus ausgelöst wurde.

Rassismus gibt es noch immer. Auch, wenn man es sich als Teil einer gebildeten Zivilisation vielleicht nicht eingestehen kann – doch es gibt ihn. Es wird unterbewusst differenziert, ob ein Mensch eine helle oder eine dunkle Hautfarbe hat. Das ist wohl das gefährlichste an der Menschheit. Gibt es einen winzigen Unterschied, der zwischen zwei Menschen steht, so entstehen furchtbar schnell Vorurteile. Dabei handelt es sich neben der Hautfarbe und der damit einhergehenden Herkunft eines Menschen auch um Religion oder Sexualität. Aspekte, die einen Menschen also ausmachen.

Wirft man einen Blick auf die Geschichte der Menschheit, so lässt sich klar erkennen, dass es dieses Prinzip schon immer gab. Es fing damit an, dass dunkelhäutige Menschen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA als Sklaven auf Baumwollplantagen arbeiten mussten und ihnen alle Grundrechte genommen wurden. Die Würde des Menschen wurde übersehen. Auch in den folgenden Jahrzehnten änderte sich an diesem offensiven und systematischen Rassismus nichts. In dem Roman “To Kill a Mockingbird” von Harper Lee wird ein dunkelhäutiger Mann in den 30er Jahren beschuldet, eine hellhäutige Frau vergewaltigt zu haben. Der Alltag und die radikale Einstellung der Bürger gegenüber den dunkelhäutigen Menschen in ihrem Ort lässt erahnen, wie minimal die Chancen waren, dass ein dunkelhäutiger Angeklagte jemals gegen das Gericht ankommen könnte. Schuld daran? Das Mindset der Menschen. Die hellhäutigen Menschen haben gewonnen – nicht nur den Prozess, sondern auch das derzeitige Leben. Das wohl erschreckendste, das ich per Zufall herausgefunden habe, ist ein sogenannter “Human zoo” (zu deutsch ein “Menschlicher Zoo”). Was verbindet man mit dem Wort Zoo? Eine Attraktion, die die Menschen anzieht, indem verschiedenste Tierarten dort zur Schau gestellt werden. Das mag so simpel klingen. Kann man sich vorstellen, dass zwischen 1870 und 1940 “echte” Menschen dort zur Schau gestellt wurden, weil sie andere, den Leuten damals fremde, Nationen vertraten? Heute, im 21. Jahrhundert, ist dies unvorstellbar. Im Laufe der Jahre entwickelte sich zunehmend eine Gegenbewegung – Menschen, die sich allmählich trauten, gegen den Rassismus anzukämpfen. Den Höhepunkt stellte vermutlich niemand Geringeres als Martin Luther Kings Mitwirkung in dieser Bewegung dar. In seiner wohl bekanntesten Rede äußert er den dringenden Herzenswunsch, dass er miterleben darf, wie die nächsten Generation, seine Kinder, aber auch er selbst, dieselben Privilegien genießen können, wie die hellhäutigen Bürger der USA. Das Bewusstsein, dass es sich bei dem herrschenden Rassismus um ein ernsthaftes und schwerwiegendes Problem der Gegenwart handelt, schein also in den Köpfen vieler Menschen angekommen zu sein. Sklaverei war längst illegal – doch jetzt stellte das wohl größte Problem die Integrierung der dunkelhäutigen Bürger in den “weißen” Alltag dar. Es stellt sich als misslungen heraus. Dunkelhäutige Menschen wurden nach wie vor im Alltag konsequent ausgeschlossen – sei es nur der Fakt, dass dunkelhäutige Menschen einen eigenen Abteil in öffentlichen Verkehrsmitteln hatten und sie, wenn sie denn einen Platz ergattert haben, bei Bedarf einem hellhäutigen privilegierten diesen Platz überlassen mussten. Dazu kommt, dass dunkelhäutige Menschen nur ungern in Berufen begrüßt wurden, die zuvor nur von hellhäutigen ausgeübt wurden. Bei einem Bewerbungsverfahren wurden statistisch eher die hellhäutigen zu einem Gespräch geladen. Ein erschreckender und vielleicht unterbewusster Mechanismus des menschlichen Gedankengangs?

Nicht zu vergessen ist auch das politische System der Apartheid in Südafrika. Dieses Regime ermöglichte es rechtlich gesehen völlig legal und legitimiert, dunkelhäutige Menschen aus der Gesellschaft in allen Lebensbereichen auszuschließen. Dunkelhäutige Menschen mussten in eigenen Ortschaften leben, die “Häuser” eng an eng und dabei kaum Möglichkeiten, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Separate Schulen, Krankenhäuser und sonstige öffentliche Einrichtungen. In den 90er Jahren wurde das System der apartheid abgeschafft. Ein wichtiger Name: natürlich Nelson Mandela.

Das Bildungssystem in Deutschland wird von anderen Ländern hoch angesehen. Es gibt meiner Ansicht nach so Vieles zu kritisieren – und zwar fundamental. Das Schulfach Geschichte ist das wohl mit bedeutendste Schulfach, das es gibt. Von Beginn der 5. Klasse an werden SchülerInnen über die Vergangenheit der Menschen aufgeklärt. Den Höhepunkt hat das ganze wohl in der Oberstufe, der Jahrgang 11, 12 und 13.

Laut dem deutschen Bildungsgesetz geht es bei der Schulzeit vor allem darum, die jungen Menschen zu gebildeten und mündigen Erwachsenen zu “erziehen”. Geschichte – ein Fach, in dem es um das Reflektieren geht. Aus meiner eigenen Erfahrung hervorgehend, kann ich das traurige Resultat ziehen, dass wir uns in diesem Fach gerade einmal eine Schulstunde (45 Minuten!!) mit dem Thema Imperialismus und Kolonialismus beschäftigt haben. Lediglich diese beiden Begriffe definiert und in den Kontext des Ersten Weltkrieges eingeordnet. Und sonst? Nichts. Es wurde nicht darüber gesprochen, welche Folgen dies auf die Gegenwart haben könnte. Und das hat dieser wichtige Zeitabschnitt mit diesen einschneidenden Worten durch und durch. Viel wichtiger ist es natürlich, alle Parteien der ohnehin nicht mehr existierenden Weimarer Republik zu kennen und deren Wahlprogramme nur deswegen auswendig zu lernen, um dann saubere 15 Punkte bei einer total seelenlosen Klausur zu ergattern. Glückwunsch an die Leute, bei denen dieses “Bulimielernen” funktioniert. Nur – auf die Realität anzuwenden ist das leider nicht. Eine klare Stellung gegen den Rassismus zu nehmen, verlangt so viel mehr.

Weiter ging es mit der Rassentrennung im Zweiten Weltkrieg. Der Rassismus und die Diskriminierung von Menschen war also durchaus Thema. Doch im Unterricht völlig ungenügend. Wurde darüber im Kurs diskutiert? Hat unser Lehrer uns Denkanstöße gegeben? Vielleicht Bezug auf die Gegenwart genommen? Nein. Wie oft stand ich schon kurz davor, ein spitzes Kommentar während des Unterrichts von mir zu geben – weil es mich so wütend macht. Doch, natürlich, hätte das sonst Probleme mit der Note gegeben. Hach, das liebe Schulsystem.

Die Kernaussage; Rassismus ist etwas, worüber geredet werden muss. Es reicht nicht aus, dieses Thema im Unterricht zu behandeln. Es geht um Begegnungen und Gespräche. Es geht um das Interesse, sich weiter zu bilden. Wo fängt der Rassismus heute an? Es geht um Alltagssituationen. Im Fußballstadion gibt es vereinzelt Parolen gegen die dunkelhäutigen Spieler. Im Bus kann man beobachten, dass manche Fahrgäste lieber stehen, als sich neben einen dunkelhäutigen Mann zu setzen. Vorurteile, Vorurteile, Vorurteile!

Mit dem Angriff auf George Floyd in Minneapolis ist der Rassismus nicht “zurück”- es scheint ihn wohl noch immer zu geben. In den Köpfen vieler Menschen sind diese Vorurteile fest verankert. Der hellhäutige Polizist scheint wohl einer jener zu sein, die sich noch immer als superior gegenüber dunkelhäutigen Menschen sehen. Er scheint nicht der einzige zu sein. Nicht nur in den USA kann man Rassismus finden – es gibt ihn überall – und das ist das erschreckendste daran. In einer globalisierten Welt wie dieser werden Menschen nach wie vor aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, im Falle von George Floyd hat ihn dieser Fakt das Leben gekostet.

Man kann es ohne zu zögern als traurig und schockierend werten, dass man im Jahre 2020 den Menschen noch immer klar machen muss, dass jedes Leben von gleichem Wert ist. Es bringt nicht viel, wenn man dem Thema Rassismus nur im Kontext dieses Vorfalls Aufmerksamkeit schenkt. Was vor rund zwei Wochen in Minneapolis passiert ist, ist ein Weckruf. Die Erinnerung daran, dass der Umgang mit Menschen ein stetiger Prozess ist. Es liegt an uns, unserem Mindset und unseren Taten. Es liegt an uns, als ein Teil des großen Ganzen, jeden Menschen so, wie er ist, Anerkennung zu schenken. Weder du noch ich, keiner von uns beiden konnte diesen Vorfall verhindern, aber es liegt an uns, ob wir so etwas, verbale oder nonverbale Angriffe mit dem Rassismus als Motiv, in Zukunft weiterhin dulden. Diese Welt soll bunt sein. Diese Welt soll voller Respekt und Toleranz sein. Doch solange man nichts dagegen unternimmt, sich nicht mit der Thematik beschäftigt und vor allem vorbildlich handelt, sich für Menschen mit einer anderen Hautfarbe einzusetzen, so bleibt diese Vorstellung wahrscheinlich utopisch. In diesem Sinne, informiert euch über Rassismus, kommt miteinander ins Gespräch und besonders – beschützt einander. Lasst niemals zu, dass ein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe ausgeschlossen oder gar körperlich attackiert wird. Achtet auf einander und duldet keine Menschenrechtsverletzungen. Bleibt achtsam und schenkt denjenigen eine Stimme, die nicht gehört werden. Schätze deine Privilegien und höre niemals damit auf, für eine Welt ohne Rassismus zu kämpfen. Denn genau ist es, was wir jetzt alle tun müssen – für eine Welt ohne Diskriminierung und Ausgrenzung einstehen.

“I think there is just one kind of folks. Folks.” -Scout Finch , To Kill a Mockingbird